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November 2018

Ausgehtipps, Bremen

Die Abenteuer des Huckleberry Finn – erzählt von seinem Freund Jim

Huckleberry Finn und Jim sind unterwegs. Auf dem Weg in die Freiheit. Auf einem Floß soll es den Mississippi flußaufwärts nach Ohio gehen. Aus dem Joch der Sklaverei in die Welt, in der Menschen jeder Hautfarbe in Freiheit leben können. Eigentlich flieht Huck vor seinem Vater und Jim vor der herrschenden Sklaverei. Ihre Flucht bleibt nicht unbemerkt und so sind ihnen Kopfgeldjäger auf der Spur. Das Floß strandet. Gerade auch in dem Moment, in dem der Proviant knapp wird. An Land treffen sie Cordelia. Cordelia ist eine Theaterdirektorentochter und Teil des restlichen, maroden Theaterensembles. Ihre Geschichte inspiriert das Ensemble zu einem neuen Stück, das hoffentlich auch für Huck und Jim genügend Dampfergeld nach Ohio einbringt. Hauptsache nur, der verarmte Theaterdirektor erfährt nichts über das Kopfgeld und kommt in Versuchung, das flüchtende Gespann zu verraten.
So weit die grobe Geschichte.

Was aber auch geschieht: vor dem Stück redet der Schauspieler Simon Zigah, der gleichzeitig den Jim spielen wird, über Sklaverei. Erklärt, dass Menschen, andere Menschen verkauft haben und das dies noch heute geschieht. Für viele Kinder wird das der erste Berührungspunkt mit der Thematik sein. Gefühle wie Unglauben und tiefe Ungerechtigkeit und Solidarität machen sich bei über Sechsjährigen breit. Dieser gesellschaftliche Rahmen umschließt das Stück. Es ist nicht nur ein Abenteuer und ein irgendwie gutes Ende, es ist auch eine Entscheidung, sich mit Kolonialismus zu beschäftigen. Ein erster Einstieg hierzu.

Und sonst?

Ein wunderbares Stück, dass neben der Erzählung, dem ernsten Blick auf Sklaverei auch eine selbstreferentielle Hommage an den Theaterbetrieb. Zitate wie „Im Theater dauert alles immer drei Minuten“ oder „Rattenklappe“. Eltern werden vielleicht das erste Gespräch zu Sklaverei und Menschenrechten mit ihren Kindern (Stück ab 6 Jahren) führen. Die kindlichen Gedanken zur unfassbaren Ungerechtigkeit werden sich neu ins Erwachsenenherz eingraben. Ich persönlich war sehr beeindruckt über die Art der Einführung und darüber, dass dieses Thema so direkt gleich zum Start des Stückes angesprochen wird. Insgesamt ist „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ ein richtiges Erlebnis. Mit Höhen, Tiefen. Das Bühnenbild mit so vielen Möglichkeiten, die Weite, die sehr deutlich wird und nicht zu vergessen: die Musik. Die Musiker*innen sind nicht nur Begleitung, nein, sie sind im zweiten Teil noch mehr integriert und so charmant und unmöglich wegzudenken. Überhaupt läßt die Besetzung (Kinder-)Herzen höher schlagen.
Teil eins, Tom Sawyer, hat mehr Krimi und viel Aufregung einen Song, den eine*r noch nach der Vorstellung weitersummt, Teil zwei geht tiefer und ist unbedingt sehenswert. Die Katzentasche hat es in den zweiten Teil geschafft. Hihi.

Besetzung

Mit: Alexander Angeletta
Guido Gallmann, Mirjam Rast, Susanne Schrader, Simon Zigah
Band: Andy Einhorn, Marlene Glaß, Jan-Sebastian Weichsel

Regie Klaus Schumacher
Bühne Katrin Plötzky
Kostüme Karen Simon
Komposition und Musikalische Leitung Andy Einhorn
Licht Christopher Moos
Dramaturgie Regula Schröter

Termine

Theater am Goetheplatz, Karten
Freitag, 30. November 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Montag, 03. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Mittwoch, 05. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Montag, 10. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Mittwoch, 12. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Donnerstag, 13. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Freitag, 14. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Sonntag, 16. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Montag, 17. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Dienstag, 18. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Mittwoch, 19. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Donnerstag, 20. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Freitag, 21. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Mittwoch, 26. Dezember 2018, 10:00 – 11:10 Uhr
Donnerstag, 10. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr
Freitag, 11. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr
Sonntag, 13. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr
Montag, 14. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr
Montag, 28. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr
Dienstag, 29. Januar 2019, 10:00 – 11:10 Uhr

PS: Danke Cornelia äh Cordelia ähm Miriam Rast und Simon fürs Autogramm. <3

Ausgehtipps, Bremen

Hiatus | Tanz im Theater Bremen

Vibration, Stress und Gruppe. Nach einem Tag im intensiven Gespräch oder verbracht im Strudel der Businesskleinigkeiten und Kompetenzverschiebungen sitzen wir als Zuschauerinnen in Hiatus. Mein Tag war sehr gut. Klar bin ich gerade aufgewühlt, aber auch wohlwollend. Meine Begleitung hat sich gerade noch rechtzeitig aus dem Büro und einer Problemsituation ins Theater begeben. Handy aus, Licht aus. Jacke weg. Warum ich das erzähle? Weil wir uns in Hiatus in viele situative Micro-Konfrontationen begeben.

Hiatus bedeutet Auslassung, Loch. In der Geologie ist diese Auslassung ein Ort, an dem keine Ablagerungen stattfanden. Geologisch oft nicht nur räumliche, auch zeitliche Auslassung. Und dies Auslassung wird sich erzählerisch durch das Stück ziehen.
Ist Hiatus nun also der Nicht-Ort, an dem wir alles thematisieren können? Wir blicken auf den kargen Ort, den optional mal mehr mal weniger Neonröhren beleuchten, mal in Hashtagandeutung mal in Mikadochaos. Neon ohne wirkliche Farbe. Grell in der schonungslosen Ehrlichkeit. Es startet mit Vibrationen und Formationen, die unsere komplexen Gruppenzugehörigkeiten thematisieren. Es ist viel Angst im Spiel, wenn es um den Umgang mit Fremden und Vertrauten geht. Enge erleben wir quälend und überhaupt ist die Sensibilität des Individuums gegenüber Gruppen ein zentrales Thema. Wie hält die Person die Andersartigkeit aus. Wie hält die Person aus, sich verkrampft in das System einzufügen und sich anzupassen. Die quälende Zugehörigkeit kippt. Wieso nicht wohlwollend Teil der Gemeinschaft sein. Es ist möglich. Trotzdem, die stückhaften Szenen, vom Choreograph Helder Seabra als Tableaux Vivants inszeniert, konzentrieren sich auf den düsteren Blick der Konfrontation. Begleitet wird das Stück musikalisch von Stijn Vanmarsenille, der uns einen elektronischen Soundteppich konstruiert, nicht ohne ab und an die Gitarre in die Hand zu nehmen.

Hiatus: Oszillieren zwischen sozialen Gruppen

Die Selbstbeschäftigung: du-in-einem-Wort; deine-Farbe; andere-über-dich-in-drei-Worten.
Hiatus ist ein sehr tanzlastiges Stück, das hört sich jetzt albern an, schließlich handelt es sich ja um Tanztheater, trotzdem ist der Anteil ja variabel. Im Gegensatz zum vergangenen Stück Amour, welches interdisziplinär weniger Platz für reinen Tanz hatte, gibt es viel präsenteren Tanz. In Hiatus kommen wir in einen Strudel der Bewegung. Es bauen sich immer wieder performative Phasen, sehr lautem tänzerischem Ausdrucks auf. Meine liebste Szene ist der loopartige Tunnel aus zeitlupenartigem Fallen der Tänzer*innen. Die Variationen darin.
Eine klare Empfehlung. Auch für neugierige Personen. Gern auch mit Liebe zur elektronischen Musik. Jede*r wird sich in einer jener Begegnungen wiederfinden und an seinen unausgesprochenen Monolog erinnert fühlen.

Blindskizze Szene Hiatus und Flyer Theater Bremen

Blindskizze aus Hiatus im Theater Bremen (c)R. Strümpel

Termine

Samstag, 10. November 2018, 20:00 – 21:10 Uhr
Freitag, 30. November 2018, 20:00 – 21:10 Uhr
Mittwoch, 12. Dezember 2018, 20:00 – 21:10 Uhr
Donnerstag, 20. Dezember 2018, 20:00 – 21:10 Uhr

Besetzung Hiatus

von und mit: Gabrio Gabrielli
Michai Geyzen, Nóra Horváth, Alexandra Llorens, Ulrike Reinbott, Diego de la Rosa, Andor Rusu, Young-Won Song

Choreografie Helder Seabra
Bühne Matthieu Götz
Kostüme Alexandra Morales
Licht Tim Schulten
Musik Stijn Vanmarsenille
Dramaturgie Gregor Runge