Ausgehtipps, Bremen

Amour – Zandwijk und Akika

Durch eine Tanztheaterachterbahn haben mich Polaroids und Crash fahren lassen. Die Ratten versetzten mich in die existenzielle Schreckstarre. Bittersüße Gefühle von Glück und Tragik. Jetzt bin ich gespannt auf ein Stück, das all das vereint. Die gemeinsame Produktion von Alize Zandwijk und Samir Akika: Amour. Gibt es ein größeres Thema? Jetzt, kurz vor der Sommersonnenwende.

Liebe und Vergessen

Ich will an die Liebe denken. Und alle, die bei dem Titel nur an die romantische Liebe denken, werden eines besseren belehrt. Es wird oft eine andere Liebe sein, um die es in den nächsten Minuten geht. Die Achterbahn beginnt mit einem Rollator und manch eine*r im Publikum kann sich kaum halten, ob der repetitiven Sequenzen: ein Rollator, eine verwirrte Person, eine Rampe. Ich kann selbst kaum entscheiden, was ich fühlen soll, denn im Publikum ganz in meiner Nähe kommt jemand aus dem Lachen nicht heraus. Stört mich das? Oder bin ich die verlogene Person, die sich nicht darauf einlässt?
Amour Premiere Theater Bremen, Schauspieler*innen und Bühne
Was geschieht also auf der Bühne, die zwei Basketballkörbe und eine Sprossenwamd samt Rampe und Schützenvereinsmusikecke beherbergt? In die Perspektive von Demenzkranken eintauchen. Gefangen im eigenen Denken, Momente der Klarheit, Störung durch Alltag und gemeinsames Abtauchen in die Wunderwelt der Wahrnehmung. Ohne viel Worte mit präziser, sehr bewußter Bewegung dargestellt. Das ist Amour. Die eigene Beobachtung verschärft sich. Die kleine Bewegung ist im Rampenlicht. Zieht durchaus die Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bringt die Musik so viele Gefühlselemente ein. Vom Schützenfest, über Karaokebar zu Romantik.
Und noch einmal stellt sich mir die Frage: Ich weiß nicht, ob ich lachen kann. Ob ich lachen darf. Würde ich gern drüber lachen können, wäre ich in meinem eigenen Vergessen gefangen? Sicher doch. Was würde sich in meinem Charakter während einer Demenz verstärken? Krawall? Trauer? Komik?
In Amour sehen wir Bewegungen der Gruppe, Tanz und Schauspiel vereint. Wir werden mit gemischten Gefühlen aus dem Stück gelassen. Es ist nicht einfach. Ein kleines Malheur kann sich in eine riesige Rutschbahn verwandeln. Im echten Leben, im Altersheim und nicht nur im Theater. Es kann aber einfach nur von einem kleinen Malheur zu einem großen Unglück werden. Alles ist offen und das letzte Wort nicht gesprochen. Der Umgang mit Demenz kann und muss verschieden sein. Die Besuche im Heim sind für die Angehörigen. Ja. Vielleicht. Oder vielleicht auch in den kurzen hellen Momenten auch für die betroffene Person. Was werden soll, kann nicht beantwortet werden. Wer aber Denkanstöße zu Liebe unter schwierigen Bedingungen haben möchte, der ist bei Amour richtig. Die hundert Minuten führen durch schwieriges Terrain von Gefühlen, manischem Verhalten, Gruppenzwang, Flüstern und Schreien. Wasser, Basketball, Blasmusik, Anstaltsleben und Alltag finden in einem Bühnenbild zusammen. Zu Recht. Aber das wird erst beim Zuschauen klar.

Termine

Donnerstag, 31. Mai 2018, 20:00 Uhr / Voraufführung
Freitag, 01. Juni 2018, 20:00 Uhr / Premiere
Dienstag, 05. Juni 2018, 20:00 Uhr
Mittwoch, 20. Juni 2018, 20:00 Uhr
Donnerstag, 21. Juni 2018, 20:00 – 22:00 Uhr
Freitag, 29. Juni 2018, 20:00 Uhr

Besetzung

Mirjam Rast, Nadine Geyersbach, Verena Reichhardt, Marie-Laure Fiaux, Fania Sorel, Maartje Teussink, Gabrio Gabrielli, Miquel de Jong, Guido Gallmann

Regie Alize Zandwijk
Choreografische Mitarbeit Samir Akika, Ulrike Reinbott
Bühnenbild Thomas Rupert
Kostüme Anne Sophie Domenz
Musik Maartje Teussink
Licht Christopher Moos
Dramaturgie Viktorie Knotková
Dramaturgische Beratung Hildegard de Vuyst

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2 Kommentare

  • Antworten Svenja 10. Juni 2018 at 16:50

    Toll geschrieben, Renate! Das macht wirklich Lust auf mehr.

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